13. Sonntag nach Trinitatis, 10. September 2017

„Die lieben Verwandten“

Ich liebe sie, meine lieben Verwandten. Die ferneren und die näheren, die allzu normalen und die etwas wunderlichen. Aber nach dem einen oder anderen Treffen brauche ich erst einmal ein gutes Glas Rotwein, wenn ich nach Hause komme…
Im Markus-Evangelium ist eine eindrückliche Szene überliefert: Jesus wird von zahllosen Menschen bestürmt; sie wollen ihn hören. Mehr noch: geheilt werden möchten sie von ihm. Als Jesu Verwandtschaft das mitbekommt, es sind in diesem Fall wohl vor allem seine Mutter und seine Brüder gemeint, glauben sie, er sei „von Sinnen“. Durchgeknallt, vom Gleis abgekommen, neben der Spur – so würden sie vielleicht heute sagen. Jedenfalls: Irgendetwas stimmt mit diesem Jesus nicht, meinen ausgerechnet seine Angehörigen.
Nun, „normal“ war es damals nicht, und heute wäre es das genauso wenig, wenn einer aus meiner Familie daherkommt und sagt: „Ich bin von Gott gesandt. Vom Reich Gottes muss ich erzählen und Menschen heilen.“ Was für ein Anspruch! Kleiner geht’s nicht?
Nein, manchmal braucht es große Worte und große Taten. Sonst blieben wir wohl immer im Alltags-Kleinklein gefangen. Und doch: Wundern muss man sich manchmal schon. Über die anderen. Über sich selbst. Und ganz gewiss auch über die „lieben Verwandten“.
Gewundert haben sie sich damals über diesen jungen Mann namens Jesus, der schon in frühen Jahren seinen Beruf als Zimmermann an den Nagel hängte. Jetzt war er ein Gottesmann, ja dessen Sohn sogar. Da hat einer seine wahre Berufung gefunden.
Das gibt es auch heute noch, wenn auch vielleicht zwei Nummern kleiner: Einer ist sein Berufsleben lang Pfarrer. Doch in seinem Ruhestand, da wird er Buchhändler mit Leib und Seele. Eine andere ist eigentlich gelernte Erzieherin. Doch im Lauf der Jahre macht sie ihr Hobby zum Beruf und wird eine leidenschaftliche Sängerin.
Die eigene Berufung finden oder, wie es in einem aktuellen Bestseller heißt, „Das passende Leben“ (Remo H. Largo). Wo ich mit meinen Gaben und Fähigkeiten, meinen Stärken und Schwächen einfach „passe“. Das wäre doch was!
Was es dazu braucht? Neugier und Wagemut. Und ein bisschen Glück.
Einen gesegneten Sonntag Ihnen!

Pfarrer Ingo-Ch. Bauer, Zillhausen-Streichen