Christi Himmelfahrt, 25. Mai 2017

Angesehen
„Du siehst mich“ – unter diesem Motto versammeln sich in diesen Tagen um Himmelfahrt über 100.000 Menschen in der Metropole Berlin zum Deutschen Evangelischen Kirchentag. Wer sieht hier wen? Unter den vielen Besucherinnen und Besuchern wird es manchmal schwierig sein, den Einzelnen in der Masse überhaupt zu erblicken…
Und doch: Genau das soll passieren. Jemanden anschauen, angeschaut werden, einander wahrnehmen. Damit beginnt Kommunikation. Ich bleibe nicht allein. Ich bleibe nicht bei mir. Sondern lasse mich auf den Anderen ein. Auch wenn er so ganz anders ist als ich.
Dafür ist der Kirchentag seit Jahrzehnten ein hervorragendes Übungsfeld. Denn kaum einmal sonst präsentiert sich Kirche so vielfältig und offen wie hier. Da ist dann auch manch Schräges und Abseitiges dabei – was soll’s, die Schafe des Herrn sind schwarz und weiß, viele grau und manche eben einfach quietschbunt.
2017 steht der Kirchentag im Zeichen des großen Reformationsjubiläums: 500 Jahre Thesenanschlag Martin Luthers. Unter den vielen Feierlichkeiten sind die Tage in Berlin und Wittenberg einer der Höhepunkte. Wittenberg? Wo damals alles begann, endet diesmal alles. Ja, der Kirchentag findet dreieinhalb Tage lang in Berlin statt, nur das Ende, der Abschlussgottesdienst, ist auf den Wittenberger Elbwiesen, mit Blick auf Schloss- und Stadtkirche.
Ein großes Festwochenende, dazu eine „Weltausstellung Reformation“, Konfi- und JugendCamps – für alle und jeden wird etwas geboten. Doch über allem die Überschrift „Du siehst mich“. Damit sind in erster Linie freilich nicht die Besucherinnen und Besucher gemeint, die sich gegenseitig anschauen. Sondern vielmehr Gott, der uns ins Gesicht sieht. Und in die Seele. Unser Innerstes gehört nur uns – und Gott. Niemand sonst hat auf unsere Seele Zugriff. Und das ist gut so. Wir sind und bleiben freie Menschen, getragen und gehalten von dem Urgrund, der uns geschaffen hat.
Kirchentage und Jubiläen gehen vorüber. Auch die von 2017 werden bald nur noch Erinnerung sein. Was bleibt sind Menschen, die in der Gegenwart leben. Die Vergangenheit prägt uns, die Zukunft lädt uns ein zum Gestalten. Angesehene, von Gott angesehene tun das mit Vertrauen und Mut. Eine wahrhaft reformatorische Haltung!

Pfarrer Ingo-Ch. Bauer, Zillhausen-Streichen