Karfreitag, 14. April 2017

„… denn sie wissen nicht, was sie tun“

Zu Unrecht hängt er am Kreuz. Trotzdem bittet er Gott nicht um Rache. Er bittet nicht um Gottes gerechtes Gericht an seinen Feinden. Das wäre verständlich gewesen. Aber Jesus will nicht vergelten, sondern vergeben. Er will nicht nur seinen Freunden den Weg zu Gott öffnen, sondern auch und gerade seinen Feinden. Denen, die ihn foltern und quälen. Denen, die ihn herablassend verspotten, soll seine Hilfe zuteilwerden.
Jesus bittet Gott, seinen Vater: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lukas 23,34). Natürlich wissen sie es nicht, wer es in Wahrheit ist, den sie da ans Kreuz schlagen und über den sie lästern. Obwohl das auf einem Schild darüber zu lesen ist: Jesus von Nazareth, der König der Juden. Obwohl sie in ihrem Spott sagen: Bist du der Christus, der Messias, dann hilf dir doch selbst!
Für die Soldaten ist ihr Tun grausame Routine. Die Oberen des jüdischen Volkes sind erleichtert: Sie sind überzeugt, dass sie das Volk von einem Verführer und Gotteslästerer befreit haben. Dass Jesus am Kreuz hängt, ist für sie der endgültige Beweis dafür, dass er nicht der Messias war. Sein Tod widerlegt für sie alle Ansprüche, die er bei Lebzeiten erhob.
Und doch: Sie alle wussten wirklich nicht, was sie taten. Sie wussten nicht, dass sie sich damit an Gott selbst vergriffen. Sie erkannten nicht ihre Schuld, die nicht nur für Jesus, sondern auch für sie selbst tödlich war. Sie kennen nicht das Ausmaß der Katastrophe, in der sie sich befinden: Ihnen droht Gottes Gericht.
Jesus bittet bei Gott um Vergebung. Er plädiert nicht für mildernde Umstände wegen Unzurechnungsfähigkeit. Jesus stellt sie nicht unter Gottes Gericht, sondern unter seine Geduld. Ob sie diesen Raum zu Umkehr genutzt haben?
Aber wir, wir müssten es besser wissen. Wir wissen, wer da am Kreuz hing. Wir wissen, wofür er sterben musste. Wir müssten wissen, was wir tun. Und doch: Wir wissen es oft nicht oder wollen es nicht wahrhaben, wie tödlich die Sünde auch für uns ist.
Das erkennen wir erst am Kreuz. Dort entlarvt Jesu Liebe mein schäbiges Verhalten. Sein Tod deckt meine Sünde als meine Not auf, an der ich zugrunde gehe. Deshalb tritt er für mich ein. Für meine wissentliche und unwissentliche Schuld. Für meine Gleichgültigkeit und Selbstgerechtigkeit. Deshalb bittet er für mich: „Vater, vergib ihnen, denn auch er weiß nicht, was er tut; auch sie weiß nicht, was sie tut“.

Pfr. Dr. Johannes Zimmermann
Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Endingen