Sonntag Lätare, 26. März 2017

Spannende Begegnung
Am bekannten Jakobsbrunnen kommt es zu einer spannenden Begegnung, etwas außerhalb von Sychar. Eine Frau mit zweifelhaftem Ruf und der umstrittene Wanderprediger aus Nazareth treffen aufeinander, ausgerechnet in der heißen Mittagszeit, wo anständige Menschen sich in die Kühle des Hauses zurückziehen.

Anknüpfungspunkt fürs Gespräch ist – wie könnte es anders sein – das Wasser. Der Fremde bittet die Frau, ihm Wasser aus dem Brunnen zu schöpfen. Ein erster Tabu¬bruch. Denn Menschen aus Galiläa und Menschen aus Samarien pflegen keinen Umgang miteinander. „Wenn sie wüsste, wer er sei“, so fügt der Wanderprediger geheimnisvoll hinzu, „dann würde sie ihn bitten, ihr Wasser zu geben.“

Ein erstes Missverständnis ist vorprogrammiert. „Ob er denn größer sei als der große Stammvater Jakob?“ fragt sie ihn. Das wäre doch ganz bequem, dann könnte man sich den Weg zum Wasserholen sparen. Erst im Laufe des Gesprächs wird ihr klar, dass der Fremde etwas anderes meint als das kühle Nass aus dem Brunnen. Und sie ahnt, dass hinter diesem Mann mehr stecken könnte. Sie vermutet, er könn¬te ein Prophet sein. Er scheint sie und ihren ungestillten Lebensdurst zu durch¬schauen. Er könnte auch auf die ungelöste Frage, wo der rechte Ort der Anbetung sein, die richtige Antwort wissen. Aber der Fremde beantwortet die Frage nach der richtigen Konfession, dem richtigen Gottesdienstort nicht. Er verweist auf die Zeit, in der solche Grenzen überflüssig sind, weil die Menschen zu Gott ohne Opfer im Geist und in der Wahrheit beten. „Könnte dieser Fremde der Messias sein, der Gesalbte Gottes, der Christus?“ fragt sich die Frau.

Mittlerweile sind die Jünger Jesu aus der Stadt zurück und runzeln die Stirn, wie sie ihren Meister im vertrauten Gespräch mit einer samaritanischen Frau sehen. Die lässt ihren Krug stehen, geht in die Stadt und erzählt von ihrer ungewöhnlichen Be¬gegnung. In den folgenden zwei Tagen hören immer mehr Menschen aus der Stadt von Jesus und bekennen zum Schluss: „Dieser ist wahrlich der Retter der Welt.“

Eine spannende Begegnung aus dem Johannesevangelium. Spannend, wie Jesus auf die tiefe Sehnsucht der Menschen eingeht, auf den Durst nach Leben, nach Anerkennung, nach geglückter Gemeinschaft. Spannend zu sehen, wie sich die Frau schrittweise vortastet, wer denn dieser Jesus aus Nazareth sein könnte.

Ich wünsche uns heilsame Begegnungen, in denen wir einander nichts vormachen müssen. Ich wünsche uns eine Auseinandersetzung mit diesem Jesus, in der wir uns ihm in seinen verschiedenen Facetten annähern. Ich wünsche, dass wir in den unterschiedlichen Kirchen Gott anbeten können, ohne uns ständig von anderen abgrenzen zu müssen. Ich wünsche uns vor allem, dass wir spüren, wie der Durst auf Leben gestillt werden kann.

Herbert Würth
(Pfarrer in Hechingen)