Reformationstag, 31. Oktober 2017

Mutig bekennen

„Es ist alles besser nachgelassen denn das Wort. Und ist nichts besser getrieben denn das Wort“, sagt Martin Luther.
Damit soll nicht ausgeschlossen sein, dass Christen viel tun. Der Glaube soll und wird auch Früchte bringen. Aber geholfen wird der Welt nicht durch das, was wir tun, sondern durch das, was Gott tut und redet. Gottes Herrschaft soll ausgerufen und durch das Wort realisiert werden. Die Jünger predigen im Auftrag Christi. Was sie auf die Straßen Palästinas und später in alle Welt treibt, ist nicht ihr eigenes Mitteilungsbedürfnis.
Predigen wird oft missverstanden als Selbstdarstellung eines religiösen Menschen. Für eine religiöse Selbstdarstellung aber braucht man keinen Auftrag und keinen sendenden Herrn. Soll das Wort Gottes an uns ergehen, so braucht es hier die hörende Gemeinde und dort den Herrn, der sein Wort auf den Plan schickt durch die Botschafter an seiner statt.
Was die Kirche predigt hat sie von Christus. Sie hört auf keine andere Stimme, auch nicht auf die eigene in der Tiefe des Herzens. Gott hat sich uns in der Menschwerdung seines Sohnes offenbart.
Hier ist der Ort in der Geschichte, von dem her der Glaube empfängt, wovon er lebt und an den er immer wieder zurückkehrt. Deshalb muss alles Predigen bei Christus seinen Ursprung haben. Hier ist die Quelle, nirgends sonst.
Es ist Christi eigenes Wort. Nicht nur so, dass wir weitersagen, was wir bei ihm gelernt haben, sondern so, dass er selbst durch uns spricht. Christus sucht im Wort mit uns Verbindung, stellt im Wort mit uns Gemeinschaft her, spricht uns an, sucht Kontakt mit uns. In der Predigt geschieht darum nach Luthers berühmtem Wort nichts anderes, als dass unser lieber Herr mit uns rede durch sein heiliges Wort, und wir dann wieder mit ihm reden in Gebet und Lobgesang.
Und wir stehen unter Gottes Schutz. Niemand soll meinen, er gehe in eine unbekannte und unheimliche Welt hinaus. Gott sieht uns, er begleitet und beschützt uns. Nun ist es aufschlussreich, wie sich Gottvertrauen und Gottesfurcht aufs engste miteinander verbinden. Menschenfurcht wird durch Gottessfurcht überwunden. Das kann man an Martin Luther, unserem großen Reformator, demonstrieren. Sein Mut war kein natürliches Heldentum. Er konnte sehr zaghaft sein, wohl nicht nur deshalb, weil ihm das im Kloster so anerzogen war. Das Geheimnis seiner Furchtlosigkeit war, er hatte Gott über alle Dinge fürchten gelernt. Er nahm Gott ernst. Wichtiger als Bestand und Verlauf seines äußeren Lebens war für ihn, wie es mit ihm vor Gott bestellt sei, der uns retten, aber auch zugrunde gehen lassen kann.
Nicht das ist christlicher Glaube, dass man die Rede von Gottes Zorn als Falschmeldung erkennt, sondern dass man sich vom zornigen Gott zum gnädigen Gott flüchtet.
Wir leben wahrscheinlich nur deshalb zumeist so unerschüttert, weil der Zorn Gottes uns normalerweise nicht erfahrbar ist.
Geschieht das aber, dann sind wir wohl erschüttert. Wir gewinnen aber zugleich eine ganz neue Fertigkeit. Luther in Worms vor Kaiser und Reich: „So bin ich durch die Stellen der Heiligen Schrift, die ich angeführt habe, überwunden in meinem Gewissen und gefangen in dem Worte Gottes. Daher kann und will ich nichts widerrufen, weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist.“
Es wirkt befreiend, wenn man sich so unmittelbar gebunden und gefordert weiß.
Christus will, dass wir ihn vor den Menschen bekennen, nicht dass wir uns scheuen und schämen. Und er will sich vor dem himmlischen Vater zu uns bekennen. Der, dem das Gericht gegeben ist, wird zugleich Richter und Anwalt sein. Für irdische Verhältnisse geradezu unvorstellbar: Auf dem Höhepunkt der Hauptverhandlung im Gerichtssaal verlässt der vorsitzende Richter seinen Platz, geht durch den Raum zum Platz des Angeklagten und erklärt: Dessen Sache ist erledigt. Er ist mein Freund. Ich stehe für ihn ein und hafte für ihn. Unvorstellbar, aber: Wir haben einen Fürsprecher beim himmlischen Vater – Jesus Christus. Es ist wirklich kein Grund, sich zu fürchten.

Dekan Beatus Widmann, Balingen