Sonntag Invokavit, 18. Februar 2018

Passion – Leidenschaft

Wenn wir zur Zeit nach Pyeongchang zu den Olympischen Spielen schauen, dann sehen wir da Menschen mit atemberaubender Leidenschaft für ihre Sportart. Monate- oder vielleicht besser jahrelang haben sie passioniert trainiert, auf vieles andere verzichtet und den Sport konsequent zum Mittelpunkt ihres Lebens gemacht, um in ihrer Disziplin ganz nach oben zu kommen und in diesen Tagen, wenn alles zusammenpasst, das olympische Siegertreppchen besteigen zu können.
In den Kirchen haben wir jetzt die Passionszeit eingeläutet. Auch sie erzählt von Leidenschaft, nämlich von Gottes Leidenschaft für die Not in der Welt. Dieser erste Sonntag in der Passionszeit trägt den Namen „Invokavit“, auf Deutsch: „Er hat gerufen“. Wer hat gerufen? - so möchte man zurückfragen. Ein Mensch in Not hat gerufen, so erfahren wir, wenn wir in Psalm 91 nachlesen, aus dem das klangvolle „Invokavit“ stammt: „Er ruft mich, darum will ich ihn erhören; ich bin bei ihm in der Not, ich will ihn herausreißen und zu Ehren bringen.“ (Psalm 91, 15) Hier verspricht Gott, dass er offene Ohren hat für alle, die ihre Not vor ihm ausbreiten. Doch das ist noch nicht alles, will uns die Passionszeit sagen. In der Person Jesu geht er eigenhändig zu denen, deren Not zum Himmel schreit: zu den Aussätzigen und Verachteten, zu den Blinden und Lahmen, zu den Hungrigen und Verdurstenden, zu denen, die auf Erlösung warten.  Und er reißt sie tatsächlich heraus: Aussätzige und Verachtete finden den Weg in die Gemeinschaft zurück, Blinde sehen, Lahme gehen, Hungrige und Durstige werden satt. Vielen Mächtigen seiner Zeit gefällt der passionierte Weg Jesu zu den Einfachen nicht. Dennoch geht er bdiesen unteren Weg leidenschaftlich und konsequent zu Ende, auch Verzweiflung und der Tod am Kreuz können ihn davon nicht abhalten. Aber drei Tage nach diesem Ende, an Ostern, steht er auf dem Siegertreppchen und trägt das Leben davon.
Gott hat sich damit unmissverständlich positioniert. Seine Leidenschaft gilt den Ärmsten, denen, die ihm ihr Leid ins Ohr schreien.  Die Passionszeit ist eine Einladung an uns, mit ihm dorthin zu schauen und zu hören, wo die Not am Größten ist auf dieser Welt. Weil Öffentlichkeit, Aufmerksamkeit und Leidenschaft helfen – nicht nur den Sportlerinnen und Sportlern in Pyeonchang, sondern auch den Menschen, die unter prekären Verhältnissen leben – bei uns oder in den Flüchtlingslagern und Krisengebieten dieser Welt.

Gudrun Ehmann, Pfarrerin, Bisingen